KS Cracovia – KGHM Zagłębie Lubin – 3:1

KS Cracovia – KGHM Zagłębie Lubin – 3:1

„UNVERHOFFT KOMMT OFT“

10.10.2026
Ekstraklasa
Stadion Józef Piłsudski
Zuschauer: 11.133

KRAKAU – Elfeinhalb Jahre nach meinem letzten Aufenthalt in Krakau, verschlug es mich am Sonnabend erneut in die vielleicht schönste Stadt Polens. In den staatlichen Herbstferien, die zur Zeit in Schwechheim den Alltag bestimmen, wollte ich gerne mal wieder nach Italien. Anderthalb Jahre sind nicht elfeinhalb Jahre – aber viel zu lange für eine Italien-Abstinenz. Im Mai 2025 schaute ich im Stiefelland das „Derby della Madonnina“, einen Tag später Terza Categoria am Gardasee und danach war bis heute finito.

Da mein Okay für den Zeitslot des ersten Ferien-Wochenends aber auf sich warten ließ, war ich mit einem Problem konfrontiert, das wir alle kennen: Total übertriebene Flugpreise, weil jeder Hans und jede Franziska Ferien hat und in den Süden will. Ich bin ja ein Freund von Gabelflügen und Stop-Over. Also wurde die Rechenmaschine angeworfen und ganz unverbindlich geschaut, was die Flugverbindungen in den Nachbarländern können.

Einen Volltreffer landete ich gleich mal in Polen. Von Berlin fahren minütlich Fernreisebusse zu unseren östlichen Nachbarn und in dem Land, das noch keine 20 Jahre zum Schengen-Raum gehört, scheinen die Flugpreise 2009 stehengeblieben zu sein. Ryanair überbietet sich hier mit Discount-Preisen. Da findet vermutlich nicht mal Michael O’Leary ein Haar in der Suppe. Der 20€-Flug von KRK nach Rimini war jedenfalls im Nu eingetütet. Und sowohl in Berlin als auch in Polen konnten bei der Gelegenheit noch Fußballspiele eingeplant werden. In Krakau sogar zwei Kicks.

Nach einer sehr angenehmen Nachtbusfahrt konnte das Reisegepäck am riesigen Krakauer Bahnhof für faire 9 Złoty abgegeben werden. Auch das Wetter zeigte sich von der besten Seite. Mit viel Zeit auf der Uhr und ohne Ballast auf den Schultern, ging es zunächt mal in die überragende Altstadt und danach als Fußgänger weiter ins „Stadion Prądniszanki“. Bei der zweiten Mannschaft von Wisła durfte ich dank eines Fallrückziehertreffers kurz vor Schluss einen Heimsieg bestaunen. Per Bolt wurden nach dem Viertliga-Kick keine Kosten und Mühen gescheut, pünktlich am „Stadion Józef Piłsudski“ aufzuschlagen. 40 Minuten vor dem Kick-Off war ich der einzige Mensch am Ticketschalter und im Stadion reichte es locker noch für eine sehr herzhafte Kiełbasa.

Klar, das Spiel war nur eine Zugabe. Dennoch stellte sich schnell heraus, dass in diesem Match Potential steckt. Lubin hatte zu einer „Rekord-Auswärtsfahrt“ aufgerufen. Der Grund blieb etwas schleierhaft, hatte ich Zagłębie doch gerade vier Wochen zuvor daheim beim „80-Jahre-Spiel“ gesehen, welches in Sachen Tifo ziemlich enttäuschend verlief. Ein zweiter Sonderzug wurde den Gästen sogar verwehrt, dennoch bewegte sich alles, was laufen kann, Richtung Krakau. Der Gästeblock war pickepackevoll und konnte diesmal in allen Belangen überzeugen. Ob das mit dem 80-Jahre-Spiel zusammenhing?

Auch Krakau hatte eine Choreo vorbereitet („Wir sind weiß – Wir sind rot – Eir sind Cracovia – Wer seid ihr?“). Mit dem Abpfiff der ersten Halbzeit stieg Pyro aus der Kurve empor, es gab ein Fahnenmeer und unzählige Kassenrollen wurden geworfen. Ein bisschen schade war der Zeitpunkt der Choreo, aber vermutlich wurde dadurch eine lange Unterbrechung vermieden, denn die Kassenrollen lagen im Strafraum wie ein Spinnennetz. Ansonsten hat man bei Cracovia zumindest vor dem Spiel andere Sorgen gehabt: 6 Niederlagen in Folge ließen den ältesten Fußballvereins Polen in die Abstiegszone rutschen. Zwar spielt der Pokalsieger von 2019 seit 13 Jahren durchgehend Ekstraklasa, doch es gab auch andere Zeiten bei dem Traditionsverein: Als Ryanair Ende der 90er-Jahre zum ersten Mal als Fluggesellschaft in Deutschland abhob, spielte Cracovia in der Drittklassigkeit. Die fünf Meistertitel wurden bis 1948 eingefahren.

Naja, ein Sieg an diesem Spieltag würde den Gastgebern erstmal reichen und das sah man dem Spiel an. Ein engagiertes Cracovia gab den Takt vor, doch Lubin traf mit der ersten Chance ins Tor. Von einem Lattentreffer des Ex-Wolfsburgers Mateusz Klich abgesehen, sprach der Ballbesitz zwar für Krakau, aber irgendwie kam die Elf kaum zum Abschluss. Zwei VAR-Strafstöße mussten herhalten. Das Glück des Tüchtigen, nennt man diesen Umstand vermutlich. Das einzige Tor aus dem Spiel heraus entstand in den letzten Sekunden der Partie, als der Lubin-Torwart aufgerückt war und Krakaus Stürmer ungefährdet zum 3:1-Sieg einschieben konnte.

Dem Cracovia-Stuff fiel ein Stein vom Herzen, das zeigen die Jubelbilder aus der Nachspielzeit. Damit war das Spiel gelaufen und nicht nur auf den Heimsieg musste lange gewartet werden, auch die Gäste ließen sich viel Zeit mit den vorbereiteten Effekten. Erst tief in der zweiten Halbzeit wurde zwei Mal kräftig gefackelt, so dass Lubin diesmal den Erwartungen gerecht wurde. Unverhofft kommt oft. Aber auch Cracovia hinterließ einen bleibenden Eindruck und ist in dieser Verfassung sicher eine Bereicherung in der Ekstraklasa. Die Trendwende in der Tabelle ist mit dem Sieg jedenfalls geschafft und vermutlich wird der älteste Fußballverein Polens auch irgendwann Ryanair überleben. (mm)

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