“VERLIERER-VEREIN UND DOCH LEBENSSINN”
10.05.2026
Bundesliga
Weststadion
Zuschauer: 25.550
WIEN – Ein Spiel voller Emotionen, Geschichte und Tradition. Das 350. Wiener Derby stand im Rahmen der Meisterrunde an. Die Grün-Weißen empfangen die Veilchen aus dem 10. Bezirk Wiens. Mein letzter Besuch liegt mittlerweile auch schon zwei Jahre zurück. Damals war es das 342. Derby. Rapid gewann mit 3:0. Guido Burgstaller brachte den Rapidlern die Freude zurück. Der mediale Aufschrei nach der Partie war groß: “Schwuler FAK” sorgte für Empörung in den Medien und beim Verband. Vier Akteure wurden für drei bis sechs (teilweise auf Bewährung) Spiele gesperrt. Zudem gab es einen Punktabzug.
Heute, 8 Derbys später ist in der Zwischenzeit einiges passiert. Ausschreitungen beim Derby im September 2024 sorgten unter anderem für Gästefan-Verbote bei den nächsten vier Derbys (344-347). Die Rückkehr der Rapid Fans in die Generali Arena erfolgte somit im 348. Derby. Wieder verloren die Hütteldorfer. Erneut gab es Ausschreitungen. Dieses Mal lautete die Konsequenz: eine Teilsperrung für drei Spiele des Block West im eigenen Stadion und keine Gästekarten in Favoriten.
Andersherum ist es bei der Austria: Diese darf den Block füllen. Die Bilanz fällt aktuell positiv für Rapid aus, 140 Siege für den deutschen Meister von 1941 und 126 Erfolge für den FK. Ein Duell voller Geschichte.
Für mich galt das Wien-Derby als Alternativplan. Der eigentlich gebuchte Rückflug wurde von der besten Airline Europas auf Montag verschoben. Somit kam der Kick ins Gespräch. Der Plan brachte einen Besuch beim FK Rača in der Slowakei ein – Top Ground. Morgens, 10:30 Uhr, gezapftes Bier, Kofola und Sonne. So kann jeder Sonntag starten!
Auf dem Weg von Bratislava nach Wien noch ein Abstecher zum “Ostbahn-Platz”. Amateurfußball in Österreich ist oft viel zu hochpreisig. Obendrein griff ich jedoch in die Tonne, weil der einzige Ausbau in Form von Bänken auf dem Rasenplatz entfernt wurde. Naja, Beifang kann man mitnehmen. Das Hähnchenschnitzel im Brötchen gab es immerhin für 4,50€, das ist für Wiener Verhältnisse fast schon billig.
Zurück zum Grund dieses Berichts, den fahrenden Untersatz stellten wir in 20 Minuten Fußmarsch-Nähe zum Weststadion ab. Merken: “Auhofstraße”. Ideal und eine Stunde vor dem Anpfiff noch viele Plätze frei, sicherlich hilfreich für den ein oder anderen Ortsfremden.
In der Stadt, in der es laut Aussage eines Rapidlers „immer windig ist” gefällt es mir sowieso immer gut. Die Spannung steigerte sich bei mir. Der Weg führte durch die Wohngegend in Hütteldorf, zahlreiche Graffiti aus dem Herzen des Vereins. Ob UR, Lords oder Tornados, was für schöne Wandmalereien.
Den Anfang machte der Anhang der Gäste, die Choreo ihrer Seite brachte mir ein Déjà-vu. Unter dem Motto “Keine Gnade” präsentierte sich der Gästeblock. Beim letzten Derby gab es eine ähnliche Durchführung nur mit logischerweise anderem Motiv. Dennoch war es eine souveräne Umsetzung, umrandet wurde dies mit Bengalos.
“Der Stolz der Stadt und unser Lebenssinn” beschrieb das Präsent des Block West an ihren Verein. TOP Motto, dieses Logo wird seit 1998 genutzt. Anschließend formten die ausgeteilten Fahnen ergänzend den Schriftzug „Wien“. 1A Umsetzung, diese Kurve gehört eben nicht umsonst zu den besten Europas.
In den ersten Spielminuten war die Stimmung definitiv auf höchstem Niveau, wahnsinnig leidenschaftlich und diese Farbenpracht des Fanblocks. Phänomenal, wir alle kennen diese Spiele, an denen “neutrale” Zuschauer anfangen mitzufiebern. Geile Momente, die wahrscheinlich nur der Fußball schreibt.
Aus neutraler Sicht kam der Führungstreffer für die Veilchen viel zu früh. In der 8. Minute klingelte es im Hütteldorfer Kasten. Die Spannung wurde erst mal auf Eis gelegt. Der Gästeblock erreichte nach dem Tor ebenfalls eine gute Lautstärke.
Die Grün-Weißen stellten sich nicht gerade famos an, ein insgesamt viel zu schwacher Auftritt im so wichtigen Derby. Andersherum erzielten die Gäste nach dem Pausenpfiff das 0:2, die Rapid-Viertelstunde brachte ebenfalls keine Spannung mehr ins Spiel. Schade. Die wichtigen Spiele gewinnt oft der Feind, diese Parallele haben Rapid und mein Herzensverein definitiv gemeinsam. Ich habe sowieso ein Herz für “Verlierer-Vereine”.
Die Gespräche nach dem Spiel klangen wie am S-Bahnhof Stellingen. “Einfach zu ängstlich“, „blutleerer Auftritt”, „Versager“ oder “Derbys konnten wir noch nie spielen in den letzten Jahren”. Ich liebe es und am Ende fahren doch alle wieder zum nächsten Heimspiel, weil die Liebe am Ende gewinnt!
Den Schlusspunkt brachte der Gästeblock, der Gassenhauer der EM 2024 kam bekanntlich aus Österreich: “Die Deutsche Bahn is so im Oasch.” Umgetextet und daher definitiv derby würdig. “Der SK Rapid is so am Oasch.” (tp)













