VSG Altglienicke – VfL Wolfsburg – 8:9 n.E.
VSG Altglienicke – VfL Wolfsburg – 8:9 n.E.
„LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK“
24.08.2026
DFB-Pokal
Stadion am Wurfplatz
Zuschauer: 5.000 (ausverkauft)
BERLIN – Auf zum dritten Heimspiel von Altglienicke in meiner bisherigen Groundhopping-Karriere! Kurios: Bei allen Spielen wurde nie auch nur einmal der Stammground in Altglienicke selbst beehrt. Die Orte des Geschehens waren der Jahn-Sportpark und nun schon zum zweiten Mal das Stadion am Wurfplatz. Von daher kann man in der Beziehung mit der Volkssportgemeinschaft ruhig von Liebe auf den zweiten Blick sprechen.
Aber fangen wir von vorne an: DFB-Pokal, 1. Runde. Geile Sache, aber am Wochenende passten mir die Ansetzungen oder Paarungen irgendwie nicht so in den Kram. Der Montag ist als Spieltag ja allgemein unterschätzt und auch hier war es erneut Liebe auf den zweiten Blick, die Tickets orderte ich erst kurz vor dem „Sold Out“ eine Woche vor dem Spiel. Bei der Anstoßzeit von 18 Uhr rollten sogar bei einer möglichen Verlängerung Züge Richtung Schwechheim zurück und so lange ich noch Vater eines Kindergartenkindes bin, kann man den Montag auch mal blau machen und sich einen schönen Tag zu zweit in Berlin gönnen. In der Redaktion war diese Woche eh nicht viel los.
Gesagt, getan und so standen wir schon viel zu früh um 7:30 Uhr an der Gleise. Auf den Hin- und Rückfahrten ging mal wieder ein bisschen was schief. Aber ich habe auch keine Lust hier jede Woche den Rahmen mit DB-Bashing zu sprengen. Jedenfalls kamen wir für ein paar Taler zusätzlich vormittags in Berlin an und dann das – plötzlich hatte ich keinen Bock mehr auf die Hauptstadt. Zumindest was die Freizeitaktivität vor dem Spiel betraf. Darum hurtig zum nächsten Zug Richtung Bad Belzig geeilt und in Beelitz-Heilstätten wieder ausgestiegen. Dort steht das vermutlich berühmteste „Lost-Place“-Ensemble Deutschlands: Das alte Sanatorium im Wald. Die vollen 4h Stunden Puffer wurden in den Heilstätten verspielt und dabei ist es so ein bisschen wie beim Fußball: Es ist kommerziell, aber geil.
Das hätten sie in Wolfsburg auch gerne: Kommerziell und geil. Aber das ist ja bekanntlich ein anderes Thema. Zumindest war der Anhang der Grün-Weißen in voller Sollstärke nach Berlin ausgerückt und präsentierte uns eine ganz nette Choreo zum Einlauf. Überhaupt: Das kleine Stadion war pickepackevoll. Im Stehplatzbereich musste um einen passablen Platz gekämpft werden und selbst der Umlauf auf der Sitzplatztribüne war gerammelt voll. In diesem Zustand macht selbst das Stadion am Wurfplatz Spaß.
Zurück zum Spiel: Das Gekicke auf dem Rasen benötigte nicht viel Anlaufzeit und es ging sofort bei Altglienicke zur Sache. Nach nur wenigen Minuten Spielzeit zappelte die dritte Großchance der Berliner im Netz. Wolfsburg kam nur schwer in Fahrt und wenn mal auf’s Tor geschossen wurde, parierte der Torwart der VSG jeden Ball: Luis Maria Zwick im Kasten von Altglienicke machte das Spiel seines Lebens. Trotzdem drückte Wolfsburg die Ost-Berliner nicht immer an die Wand. Als nach der Pause der verdiente Ausgleich durch Maximilian Arnold fiel, kam die Heimelf wieder gut ins Spiel und ging durch einen riesigen Patzer von WOB-Keeper Zieliński das zweite Mal in Führung. Erneut traf der eingewechselte Maxi Arnold nach einer Willensleistung kurz vor Ende der regulären Spielzeit zum Ausgleich, diesmal per Freistoß.
Was in der anschließenden Verlängerung geschah muss man gesehen haben und wird als echte Pokalgeschichte in Erinnerung bleiben. Nach dem dritten Führungstreffer kommt tatsächlich langsam der Gedanke an eine Überraschung auf. Sogar mein Söhnchen stimmt nun voller Überschwang in die Gesänge ein, die Stimmung mit der untergehenden Sonne im Blick ist überragend, selbst der kleine VSG-Fanblock in der Ecke kann jetzt überzeugen. Und wieder gleichen die Norddeutschen nur Minuten vor Ende der Spielzeit aus. Elfmeterschießen und Altglienicke versenkt einfach mal die ersten vier Strafstöße. Dann kommt der Auftritt von Fabian Reese, seines Zeichens Ex-Herthaner und millionenschwerer Neuzugang in der Autostadt. Er wurde 120 Minuten ausgepfiffen – und vergibt!
Den Matchball des aktuellen Berliner Landespokalsiegers pariert nun ausgerechnet Pannen-Keeper Zieliński und – noch schlimmer: Der Torschütze zum 3:2, Mehmet Ibrahimi, setzt den entscheidenden Elfer in die Nesseln. Wolfsburg ist weiter. Sowas kann sich keiner ausdenken. Die Trauer verfliegt aber schnell. Die VSG hat Werbung gemacht an diesem Abend. Bei allem Gelaber um Sportchef Torsten Mattuschka muss man auch mal festhalten, dass es sich um einen Verein aus dem tiefsten Ost-Berlin handelt, mit allen Macken und Marotten, die diese Herkunft so mit sich bringt. Bei der Pfandrückgabe wurde schnoddrig darauf bestanden, dass die Forderung mit einem „Bitte“ garniert wird. Als Altstar John Anthony Brooks zum Warmmachen schlich, ertönte aus den Ü50-Kehlen im Block der Klassiker: „Lebt denn der alte Holzmichel noch?“. Das muss man ja einfach liebhaben. Wenn vielleicht auch erst auf den zweiten Blick.
Ganz klar, es wird irgendwann noch ein viertes Heimspiel geben – und das hoffentlich im Osten der Stadt, im Willi-Sänger-Stadion am Baumschulenweg, dem ursprünglichen Ground des Vereins. Die Anlage soll ab nächstem Jahr für insgesamt 8 Millionen Euro zu einem tauglichen Sportplatz umgebaut werden, in dem dann auch DFB-Pokal-Spiele stattfinden können. (mm)




















