Hoyerswerdaer FC – BSG Chemie Leipzig – 1:4
Hoyerswerdaer FC – BSG Chemie Leipzig – 1:4
„WIE SICH HOYERSWERDA IN LUFT AUFLÖSTE…“
04.10.2026
Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion
Sachsen-Pokal
Zuschauer: 1.722
HOYERSWERDA – Pokalwochen in Ostdeutschland und kurzerhand wurde eine Tour ins NOFV-Gebiet zusammengebastelt, die am Sonntag ihren vermeintlichen Höhepunkt erreichen sollte. Der Hoyerswerdaer FC – zur DDR-Zeiten BSG Aktivist Schwarze Pumpe genannt – empfing die Viertliga-Truppe der BSG Chemie Leipzig. Landesklasse gegen Regionalliga. Oder aber auch: Rechts gegen links.
Hoyerswerda besitzt eine schöne Altstadt, liegt im Verbreitungsgebiet der sorbischen Minderheit und ist bekannt für Konrad Zuse, dem Erfinder der modernen Rechenmaschinen. Wer den Namen der 30.000-Einwohner-Stadt hört, klimpert aber meistens mit den Augen. Hoyerswerda landete immer wieder in den Schlagzeilen, weil rechtsextreme und nationalistische Personen ihren Trieben freien Lauf ließen. 1991 entluden sich entsprechende Spannungen dieser Gruppen in pogromähnlichen Zuständen.
Die Plattenbausiedlung „Neustadt“ wurde damals in Beschlag genommen. Hier wohnten nach der Wende vor allem Vertragsarbeiter aus Afrika. Ganze Straßenzüge belagerten Neo-Nazis in der Neustadt und griffen die Häuser der dort wohnenden Ausländer an. Nicht nur Steine flogen, auch Molotow-Cocktails und das oft vor den Augen der übrigen Bevölkerung, die mit diesen Tätern offenbar sympathisierte. Tatsächlich wurden die Ausländer wenig später aus der Stadt evakuiert und auf andere Orte verteilt.
Es war die Zeit, in der in Deutschland das Asylrecht die Bevölkerung spaltete – und der Auftakt zu Anschlägen auf Asylantenheime in der ganzen Bundesrepublik. Fast täglich durchbrach irgendwo eine Benzin-Bombe eine Fensterscheibe. Direkt nach den Ereignissen von Hoyerswerda gab es Anschläge in Hünxe und Bremen. Heute erinnert man sich nur noch an die Taten in Mölln oder Solingen, weil es dort Todesopfer zu beklagen gab. Doch dasselbe Muster mit den gleichen Anschlägen zog sich durch die ganze Republik. Von diesen Zuständen sind wir im oft zitierten „besten Deutschland aller Zeiten“ heute zum Glück weit entfernt. Doch die Ausschreitungen in Hoyerswerda damals, bildeten den Auftakt für diesen immensen Ausländerhass Anfang der 90er.
Klar, dass dieses Spiel in der 3. Pokalrunde nun die Polizei auf den Plan rief. In dem freizugänglichen Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion wurden die Fan-Bereiche mit Zäunen abgetrennt und eine Hundertschaft von Beamten überwachte die Pufferzonen. Zunächst war dann auch nur der große Andrang bemerkenswert: Knapp 2000 Zuschauer strömten in den schönen Ground, rund 500 davon in den Gästesektor. Bei einem kleinen Rundgang vor dem Anpfiff auf der Heimseite konnte man sich dann aber schon ausmalen, was für einen Charakter diese Partie ausstrahlen wird. Schwarz-weiß-rote Fischerhüte mit Frakturschrift oder „Thor-Steinar“-Klamotten lieferten einen ersten Eindruck von der Gesinnung der Heimszene.
Trotzdem blieb so weit alles ruhig. Die etwa 100 supportfreudigen Heimanhänger begrüßten ihre Elf mit Konfetti-Kanonen und die Leutzscher zogen ihr Ultra-Programm auf. Kurz vor der Halbzeit dann allerdings die erste Aktion mit Potential: Chemie erinnerte mit einem Spruchband an „35 Jahre Pogrom in Hoyerswerda“ und die Heimseite reagierte mit einer großen schwarz-rot-goldenen Fahne und „Deutschland, Deutschland!“-Rufen. Mit Pöbleien auf beiden Seiten und einem 0:2 ging es in die Pause.
Nach dem Wiederanpfiff zogen die HFC-Fans eine Blockfahne hoch und zündeten bereits unter der Fahne schwarze Nebeltöpfe. Nicht zuletzt aufgrund der Windverhältnisse zog der Rauch komplett über den Block und unter der „Choreo“ hinweg. Etwas Panik verbreitete sich und die Fahne wurde zügig eingeholt. Dennoch machte sich natürlich Gelächter im Gästeblock breit: Hoyerswerda hatte sich quasi mit einem großen Knall in Luft aufgelöst. Der lautstarke Support auf der Heimseite wurde in der Folge eingestellt.
Grund zum Jubeln hatte der Heimanhang nur noch einmal: Mit der letzten Aktion schafften die Siebtliga-Kicker in den schwarzen Trikots unter gütiger Mithilfe des Gästekeepers noch den Ehrentreffer zum 1:4-Endstand. Zuvor war ein „Flitzer“ auf das Spielfeld gelaufen und schnell verbreitete sich das Gefühl, dass dieser seltsame Irrläufer vielleicht als Ablenkungsmanöver geplant war. Denn der Flitzer beschäftigte mit seiner Aktion das Sicherheitspersonal und das Sekunden vor dem Abpfiff. Tatsächlich kletterte mit dem Ende der Partie noch ein weiterer HFC-Anhänger über die Bande, wurde aber zügig eingefangen.
Das war’s. Viel Trubel um dieses ungleiche Duell und sportlich waren am Ende wohl beide Teams recht zufrieden. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack und auch wenn die Zeiten mittlerweile andere sind, wird man das Gefühl nicht los, dass diese Gemengelage ohne entsprechende Maßnahmen auch gerne mal eine andere Eskalationsstufe erreichen könnte. Wäre schön, wenn sich diese Gegensätze auch irgendwann mal in Luft auflösen würden. (mm)






















