KS Lechia Gdańsk – KS Warta Poznań – 0:3

KS Lechia Gdańsk – KS Warta Poznań – 0:3

„DANZIG IN TRÜMMERN“

31.07.2026
I. Liga
Arena Gdańsk
Zuschauer: 5.741

DANZIG – Der Vortag begann kurz vor Bad Bevensen und endete in Bad Bevensen. Jedenfalls für Redakteur (hr), der sich mit mir auf den Weg nach Hannover machte. Zusammen wollten wir in Lehrte den Pokalkracher SV Yurdumspor 88 gegen TuS Kleefeld verfolgen, als just in dem Zeitraum unserer Zugreise nacheinander zunächst eine Oberleitung riss, die Böschung daneben Feuer fing und später auch noch ein Baum auf die Gleise fiel. Für meinen Kollegen (hr) bedeuteten diese Ereignisse das Aus des Abends. Er fuhr zurück nach Schwechheim. Freilich erst als nach vielen Stunden die Zugstrecke wieder halbwegs freigegeben war.

Für mich ging es dennoch nach Hannover. Das Pokalspiel in Lehrte war schon gelaufen, doch ich hatte für den Abend einen Nachtbus nach Berlin gebucht. Um 23.59 Uhr sollte mich das grüne Gefährt eines mittlerweile weltweit agierenden deutschen Reiseunternehmens zum BER bringen. Zunächst musste ich mir aber erstmal den Weg in die niedersächsische Landeshauptstadt bahnen. Mit dem völlig überfüllten und letzten Linienbus ging es von Bevensen zunächst nach Uelzen. Ein Schienenersatzverkehr war nicht in Sicht. In Uelzen fuhren nach einem kleinen Zwischenstopp in der vielsagenden Kneipe „Fiasko“ tatsächlich Bahnen nach Hannover. Angekommen am Zielort, gab es auf diesen Schreck erstmal ein Schnitzel bei „Max Walloschke“ am Steintor. Kleefeld gewann währenddessen in Lehrte durch ein Tor in der 90. Minute mit 5:6.

Drei Stunden hieß es noch zu vertrödeln, bis der Bus kommen würde. Zwei Stunden waren schon geschafft, so langsam eroberte mich die Müdigkeit, da vibrierte das Handy. Flixbus meldete 135 Minuten Verspätung. Sofort war ich wieder hellwach. Denn diese Verspätung würde einen Minutenkrimi nach sich ziehen. Um 4 Uhr sollte ich ankommen, um 6:55 Uhr ging der Flug. Hier kann jetzt jeder 1 und 1 zusammenzählen. Da der Bus offenbar in NRW festhing und weitere Verspätungen nicht ausgeschlossen werden konnten, mussten sofort Alternativen her. Siehe da: Es fuhr noch ein ICE nach Berlin! Aber, Moment – der Halt in H-Messe/Laatzen entfällt. Hauptbahnhof nicht mehr machbar. Na, danke. Eine Regionalbahn nach Wolfsburg und dort um 1 wiederum in den letzten ICE? Knifflig, bei 5 Minuten Umsteigezeit. Das Risiko musste ich erst gar nicht eingehen: Die Bahn rollte schon 10 Minuten zu spät in Hannover ein.

Letzte Chance „Blablacar“. Aber das ist eine Reisemöglichkeit, die sich zu Recht hinter die DB und den Flixbus einreiht. Natürlich wurden nächstens 3-4 Fahrten nach Berlin angeboten. Allesamt von polnischen Staatsangehörigen, von denen sich niemand meldete. Nicht mal die dramatischsten Nachrichten auf Polnisch animierten Jolanta, Harald und Marcin mal „Pieps“ zu sagen. Ich wäre trotzdem lieber in so ein Polen-Auto gestiegen, aber ich musste darauf bauen, dass Flix das irgendwie noch hinbekommen würde.

Mit fast 3h Verspätung kam der Bus schließlich gegen 02:45 Uhr um die Ecke gewackelt. Paris-Warschau und zwischendrin von Hannover nach Berlin. Ja, wer soll denn auf so einer Strecke die Ankunftszeit halten, zumal es ein ungeschriebenes Gesetz ist, dass die polnischen Fahrer bei jedem Halt aussteigen und noch 2-3 Kippen wegdampfen. Auf dem Weg zum BER gab es bis Berlin ZOB zumindest keinen Halt mehr und mit Glück und Spucke hätte man um 6:15 am BER auflaufen können. Wurde natürlich nix. Zwei Kippen am ZOB.

Der letzte Trick bestand darin, bereits am Bahnhof Südkreuz auszusteigen und den Flughafen-Expresszug (FEX) zu nehmen, wenn es von den Zeiten passt. Es passte und mit dieser Aktion konnten sicher überlebenswichtige 12-13 Minuten herausgeholt werden. Das war Gold wert, als ich um 6:31 Uhr zu Terminal 2 hastete. In der menschenleeren Kontrolle musste natürlich mein Rucksack noch auf Herz und Nieren überprüft werden und um 6:38 Uhr war es so weit: Ohne Gürtel und mit rutschender Hose stand ich vor Gate B30. Flugsteig geöffnet und ein Rolli-Fahrer mit Begleitung sollte gerade an Bord geschoben werden. Puh, dachte ich. Puh, sagte der Flugbegleiter: Zwei Minuten zu spät, du kannst nicht mehr mitfliegen. Die „Was-soll-der-Scheiß?“-Debatte hielt sich in Grenzen. Mit den Fluggesellschaften ist nicht zu spaßen. Ich hatte echt den Flug nach Tallinn verpasst.

Circa 12-13 Minuten nach mir kam dann noch ein junges Pärchen angespurtet – die beiden Ukrainer waren im Flixbus geblieben und nicht am Südkreuz in den FEX gewechselt. Auch für sie natürlich keine Chance den Flug noch zu erreichen. Zusammen kramten wir in unseren Handys nach Alternativen. Nach spätestens einer halben Stunde hatte ich mich entschieden erneut mit Flixbus weiter nach Danzig zu fahren und dann zwei Tage später einen erstaunlich günstigen Flug nach Vilnius zu buchen. Litauen war das eigentliche Ziel der Reise gewesen und so konnten zumindest die drei Hotelnächte und der Rückflug noch verwertet werden.

Zwei Stunden später saß ich wieder im Flixbus. 9h nach Danzig. Verflixt und zugenäht. Schön war das nicht. Aber noch unschöner wäre es vermutlich gewesen in Berlin zu schmollen und nach Hause zu fahren. Auch auf dem Weg nach Danzig gab es einige Unwägbarkeiten. Die Bullenkontrolle an der Grenze dauerte 45 Minuten. Später wurde der Bus nochmal von der Polizei angehalten. Stau vor Danzig, 1h Verspätung. Aber diesmal hielt der Puffer von knapp 3h. Um 19 Uhr rollte der Bus in die historische Stadt an der Mottlau ein. Die Mehrkosten für die Extrafahrt, einen weiteren Flug und zwei ungeplanten Nächten in Polen, beliefen sich auf rund 130€. Das ist in Ordnung für einen Trostpreis.

Die Trophäe für den „zweiten Sieger“ an diesem Tag konnte ich mir schließlich bei Lechia Gdańsk abholen. Denn nur der Blick auf den Spielplan hatte diesen Plan B abgesegnet. Am Freitag-Abend um 20:30 Uhr sollte der Ball in der Arena der Stadt rollen und am nächsten Tag war auch Arka Gdynia dran. Die Gegner, naja, aber das reichte um den Tag und das Wochenende irgendwie zu retten. Per Leihscooter ging es schließlich die rund 5km ins Hafengebiet, wo das große, bernsteinfarbene EURO-2012-Stadion des Vereins steht, das sowohl von außen als auch von innen ziemlich harmonisch wirkt.

„Bonjour Tristesse“ heißt das Motto beim aktuellen Tabellenletzten der zweiten polnischen Liga. Okay, es war erst ein Spieltag gespielt. Doch diesen verlor der Ekstraklasa-Absteiger zu Hause gleich mal 0:3 und insgesamt war es die 8. Niederlage (!) in Folge. Die Erwartungen gingen gegen 0. Doch als ich das Stadion betrat und in der Heimkurve die Vorbereitungen für ein Intro, in dem auf einem Banner das Wort „Piro“ vorkam, entdeckte, war all der Frust verflogen. Der Tag war ja insgesamt echt scheiße gelaufen, aber dieses Gefühl und diese Genugtuung nach 14h Odyssee im Flixbus – das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann, sagte Fußball-Philosoph Jürgen Klinsmann einst so treffend.

Letztes Kapitel – zum Spiel will ich mich kurzhalten. Ich weiß nicht was bei Lechia passiert ist. Letztes Jahr am 1. Spieltag bei Górnik konnte man unter meinen Augen beim späteren Vize-Meister noch gut mithalten. Nun gab es die nächste 0:3-Heimklatsche. Die 25 handegezählten Auswärtshansel mit ihrer Blechtrommel freute es. Warta Poznań musste dem Gegner nur 30 Minuten auf die Socken steigen und es fielen nacheinander ein abgefälschtes Tor, ein Elfmetertor und ein Eier-Tor nach einer diffusen Torwart-Aktion. Mitten in das 0:3 gab es dann die große Pyro-Aktion, die nach 20 Minuten „verkleiden“ bis in die Halbzeit andauerte. Im zweiten Abschnitt feuerten die Lechia-Fans ihre Mannschaft bedingungslos an. Aber nur wenn die Elf nicht im Ballbesitz war. Schob sich Lechia den Ball zu, wurde es mucksmäuschenstill. Im Mittelpunkt der Kritik: Präsident Paolo Urfer. Schweizer Staatsbürger und Obermacker des arabischen Investmentfonds „MADA Global“.

Was wäre der polnischen Fußball ohne seine Fans? Genau, ein 0:3 vor 5000 Zuschauern in einem Stadion mit einer Kapazität von über 40.000 Plätzen. Das Fazit kann hier nur lauten: Danzig in Trümmern. Nirgendwo sind Investoren aus der Schweiz oder den Vereinigten Arabischen Emiraten sinnloser als in Polen. (mm)

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