SCD Progresso – Siena F.C. – 0:1
SCD Progresso – Siena F.C. – 0:1
„RONALDINHO KANN MICH MAL…!“
11.10.2026
Serie D/Girone E
Stadio Comunale Clara Weisz
Zuschauer: 450
CASTELMAGGIORE – Wie angekündigt starten wir den Montag heute mit einem kleinen Nachschuber vom vorletzten Sonntag. Nach einem Strandspaziergang in Rimini spuckte Trenitalia mich am Mittag in Bologna aus. Bei absolutem Bestwetter wäre ich die 10km nach Castelmaggiore am liebsten mit dem Fahrrad gefahren, aber so praktisch die E-Scooter in den europäischen Großstädten auch sind – sie haben den konservativen Fahrradverleih verdrängt und die Mobilität mit den elektrischen Untersätzen hört in der Regel an der Stadtgrenze auf.
Mit dem Bus ging es schließlich in den Norden von Bologna. Dabei fuhr ich auch durch den Stadtteil Corticella. Vor zwei Jahren war ich ebenfalls in dieser Gegend unterwegs und schaute im strömenden Regen Serie D bei der US Corticella. Ein Ort, an dem man nie wieder vorbeikommt, dachte ich damals. Ich erkannte den Viertligaground beim Vorbeifahren sofort, obwohl der ganze Vorplatz mittlerweile eine riesige Baustelle ist. In Bologna wird aktuell das Straßenbahnnetz Richtung Norden erweitert. Castelmaggiore liegt direkt hinter Corticella und ist so eine typische italienische Kleinstadt mit betonernen Würfelbauten. Der Ort kann wirklich gar nichts, im Gegensatz zu Bologna. Die siebtgrößte Stadt Italiens hat auch beim dritten Besuch vollauf überzeugen können.
Eigentlich war aber gar kein Abstecher nach Bologna geplant. Der Sonntag-Nachmittag sollte laut Protokoll in Ravenna verbracht werden. Auch ein schöner Ort. Aber patzige Antworten von dem Verein auf meine E-Mails und ein Gästefanverbot für Campobasso von der Stadt, verhagelten mir den Besuch beim Ronaldinho-Verein. Der brasilianische Weltmeister stand eh noch nicht ein einziges Mal im Kader und so war es auch diesmal. Fast wäre ich auf den Marketing-Trick reingefallen, aber Ronaldinho kann mich mal… Die Info, dass Siena am Nachmittag in Castelmaggiore aufmarschieren sollte, löste da schon mehr Euphorie aus.
Tatsächlich grüßten schon die Carabinieri vom Ground, da war ich noch einige hundert Meter vom Einlass entfernt. Die italienischen Behörden scheinen in diesen Fällen noch willkürlicher als in Deutschland vorzugehen, wobei es in letzter Zeit immer wieder zu Verboten kam, wie jüngst in Ravenna. Das war alles vergessen, als Siena kurz vor dem Anpfiff fleißig Zaunfahnen aufhing und ein Männerchor anfing zu singen. Etwa die Hälfte der 450 Zuschauer positionierte sich auf der rechten Hälfte der einzigen Tribüne im Ground – dem „Settore Siena“. Davon war vielleicht ein Viertel aktiv, also in etwa 50 Personen. Aber das reichte aus um für glühende Augen und wippende Zehen zu sorgen. Wirklich fabelhaft, wie die melodiösen Gesänge an diesem spätsommerlichen Sonntag Besitz von der örtlichen Szenerie ergriffen.
Dabei gab es nicht nur Gesang ins Gehör, sondern auch Pöbeleien der Extraklasse auf die Augen. Immer wieder stürmten Siena-Tifosi den mannshohen Maschendrahtzaun hinauf und griffen die Schiedsrichter verbal an. Ich machte es mir auf der äußersten Tribünenseite von Siena bequem und fieberte mit den Gästen mit. Während Progresso eine kleine, graue Maus in der Serie D ist, strebt der große Siena F.C. den Aufstieg in die Serie C an. Fünfzehn Jahre zuvor waren die Gäste mit Star-Trainer Antonio Conte in die Serie A aufgestiegen. Nach dem letzten Intermezzo in der höchsten Liga haben die Toscani drei Komplett-Pleiten auf’s Parkett gelegt und wurden zwei Mal aus dem Vereinsregister gelöscht. Höhepunkt dabei sicher die nur dreijährige Phase unter dem armenischen Geschäftetreiber Roman Geworkyan, mit Alberto Gilardino auf der Trainerbank und dem Zusatz „Noah“ im Vereinsnamen.
Als Siena F.C. fing der Verein 2023 in der Excellenza erneut von vorne an – und die Fans halten dem Klub die Treue. Ein Wort noch zum Heimverein: Wer sich über den weiblichen Stadionnamen wundert: Die Spielstätte wurde nach der Tochter des ehemaligen Meistertrainers vom FC Bologna, Ápárd Weisz, benannt. Der Ungar gewann mit dem großen Stadtverein 1936 und 1937 den Scudetto. Sowohl der Meistertrainer als auch seine Tochter starben als Juden wenige Jahre später in Auschwitz-Birkenau. Unglaublich.
Aktuell sieht es in Siena übrigens wieder mal nach einem möglichen Erreichen der Serie C aus, was nach den beiden Re-Starts zuvor auch jedesmal mühelos gelang. Der SFC mischt oben mit und ging als Favorit in dieses Auswärtsspiel. Der ganze Habitus auf dem Platz ließ an dieser Konstellation auch keinen Zweifel aufkommen. Der Ballbesitz für die Gäste mehrte sich von Minute zu Minute. Doch die zwei Viererketten von Progresso zerschmetterten jeden Angriff der „Bianconeri“. Das war so defensiv, dass es fast schon wieder beeindruckte. Und umgekehrt kamen die Hausherren im zweiten Abschnitt zu immer mehr Konterchancen. Doch zuerst eine Rote Karte und letztlich ein gut ausgespielter Angriff, den Progresso nur mit Foulspiel unterbinden konnte, sorgten für den wichtigen und minimalistischen Auswärtssieg per Elfmeter. Die Arbeit an einem Happy End in Siena geht also weiter. Seit 15 Jahren. (mm)















