FC Winterthur – FC Basel – 1:2

FC Winterthur – FC Basel – 1:2

„RACLETTE STATT KUNST“

07.12.2025
Super League
Stadion Schützenwiese
Zuschauer: 8.700

WINTERTHUR – Eigentlich sollte hier ein Text aus Bern stehen. Doch statt ins Wankdorfstadion ging es ins Elisabeth-Schwarzhaupt-Krankenhaus nach Schwechheim. Kein Flieger in die Schweiz und kein Spektakel bei den Young Boys Bern, dafür eine Irrfahrt ins Hospital und Schlagseite in der Notaufnahme. Der Daumen unseres Redakteurs (tp) hing nach einem tiefen Glasschnitt am seidenen Faden und die Reise ins Ausland wurde gestrichen. Wie gut, dass ein Teil der Redaktion ein Wochenende zuvor in der Schweiz weilte.

Die Entscheidung letzte Woche einen Bericht aus St. Gallen oder Winterthur zu bringen, war ohnehin eine ganz knappe gewesen. Hätten wir einen Volksentscheid ausgerufen, dann wäre das Votum vermutlich 51:49 ausgefallen. Aber so folgt an dieser Stelle nochmal ein kurzer Abriss über den Besuch beim FC Winterthur, auch weil sich tatsächlich letzte Woche neue Entwicklungen angekündigt haben, die wir hier gerne erwähnen möchten.

Nach einer Sightseeing-Runde im schönen St. Gallen ging es per Zugfahrt nach Winterthur. Hier profitierte man tatsächlich von einer Zugverspätung der SBB, ohne die Winterthur eine halbe Stunde später erreicht worden wäre. Auch in der sechstgrößten Stadt der Schweiz wurde eine kleine Touri-Runde durch den Stadtkern gedreht und der Ort als eher unspektakulär eingestuft. Nach der Bummelei und vor dem Fußballspiel musste noch ein kleines Problem gelöst werden – der Rucksack stand dem Spielbesuch im Weg. Die Schließfächer im Hauptbahnhof waren alle belegt und Plan B sah vor, wahllos in einem Hotel nachzufragen ob die Tasche gegen einen kleinen „Obolus“ verwahrt werden könne. Nur war in der Altstadt irgendwie kein großes Hotel aufzutreiben und der Weg ging schon wieder Richtung Spielort, um sich vielleicht irgendwie ins Stadion reinzusabbeln…

Am Rande der Altstadt passiert man ein großes Gebäude – das Kunstmuseum. Und da fiel plötzlich der Groschen: In den Museen gibt es ja oft Spinde, um seine Habseligkeiten zu verschließen. Und das Kunstmuseum Winterthur ist in dieser Hinsicht wirklich exzellent aufgestellt. Abschließbare Schränke ohne Gebühr bietet das KMW an. Zugegeben: Die feine englische Art war das nicht, aber der Zweck heiligt die Mittel. Außerdem sollte sich der „Move“ auch noch etwas rächen. Beim Verlassen des Museums musste an der Kasse unbedingt noch die Öffnungszeit ermittelt werden, diese fiel mit 17 Uhr positiv aus. Doch auf dem Weg zum Stadion fing es an zu tröpfeln. Und der Regenschirm? Der lag im Spind. Nochmal ins Museum? Das wäre einmal zu viel gewesen.

Also ab zur Schützenwiese – und viel zu früh hinein in die Bude. Das Stadion war am Ende ausverkauft und auch aufgrund der stolzen Preispolitik in der Schweiz lag der gebuchte Platz hinter dem Tor, neben den Gästefans. Ein Weg zur Haupttribüne bestand nicht, das einzige Tor war bewacht und abgeschlossen. Auch Regenschutz war kaum vorhanden. Die Hoffnung noch ein Stückweit auf der Geraden zu stehen, wie das gegenüber bei der „Sirupkurve“ der Fall ist, erfüllte sich nicht. Immerhin biegt sich in Winterthur die Kurve etwas Richtung Eckfahne, so dass die Sicht auf die Gästefans am Ende ganz passabel ist. Für 25 Franken ist das okay. Basel konnte den Block restlos füllen und punktete mit Dauersupport. Allerdings verzichtete der FCB auf jegliche Effekte und auch die Mitmachquote fiel teilweise mager aus, so dass die „verklausulierte Sicht“ auf die Gästefans am Ende nicht wirklich schadete.

Die Veranstaltung gefiel eher aus Sicht des Heimvereins. „Winti“ steht auf dem letzten Platz der Super League. Dennoch ist aktuell fast jedes Spiel ausverkauft und der Verein scheint einfach tief verankert zu sein im Ort. Das geflickschusterte Stadion vereint die ganze Silhouette der Stadt. Der große Klotz hinter dem Gästeblock ist das „Sulzer-Hochhaus“. Bis 2003 das höchste Gebäude der Schweiz. Hinter der „Bierkurve“ grüßt der Turm der St.-Peter-und-Paul-Kirche und der Bahnhof ist auch keine 10 Fußminuten von der Schützenwiese entfernt.

Das Stadion ist wirklich unkonventionell und bringt Spaß. Neben einer alten Haupttribüne gibt es Stufen hinter dem Tor und ausgerechnet die neue Tribüne auf der Längsseite ist eine reine Stehplatztribüne. Entsprechend authentisch ist die Stimmung Einfach top! Doch nur ein paar Tage später flatterte die Nachricht ins Haus, dass dem FCW 35 Millionen Franken bewilligt wurden, um das Stadion auszubauen. Die Hintertorseiten sollen durch neue Tribünen ersetzt werden.

Es könnte gut sein, dass das modifizierte Stadion in der zweiten Liga eingeweiht wird. Denn „Winti“ konnte sich an diesem verregneten Sonntag-Nachmittag nicht mit einem Punktgewinn belohnen, dabei spielten die Nordostschweizer den Favoriten teilweise an die Wand. Ex-Bundesliga-Keeper Marwin Hitz im Kasten der Basler scheint nicht viel von seinen Fähigkeiten verlernt zu haben und vereitelte Chance um Chance. Der FCB verwandelte gleich die erste Möglichkeit nach rund einer halben Stunde in Person von Xherdan Shaqiri. Doch der FCW glich direkt nach der Pause per Kopfball aus. Auch danach war es ein ausgeglichenes Spiel, in dem Basel ein VAR-Elfmetergeschenk nicht verwandeln konnte. Ein Punkt für beide Teams wäre echt okay gewesen, doch die Gäste duselten Sekunden vor Schluss nach einer Ecke mit mehreren abgeblockten Schüssen noch einen Ball ins Netz – und ließen sich nach einer überaus mäßigen Leistung am Ende als großer Sieger feiern. Wird schon seinen Grund haben, warum Winti auf dem letzten Platz steht.

Nach dem Schlusspfiff führte der Weg über die Haupttribüne aus dem Stadion heraus – netterweise wurde nun das Eisentor geöffnet. Auf der Tribüne fand sich nicht nur eine Eintrittskarte als Souvenir, sondern auch ein herrenloser Regenschirm und nachdem der Niederschlag mit dem Spielende nochmal eine Schippe draufgelegt hatte, ging sich der Weg zum Museum mehr oder weniger trockenen Fußes aus. Den Rucksack aus dem KMW zu holen, war anschließend überhaupt kein Problem und das Geld, das man für die Schließfächer oder den Museumseintritt gespart hatte, landete letztlich auf dem Weihnachtsmarkt und sorgte für einen vollen Magen. Raclette und Gerstensuppe waren für den Redakteur aus dem fernen Schwechheim genauso „unique“ wie das wunderbar zusammengewürfelte Stadion Schützenwiese. (mm)

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