RC Lens – AJ Auxerre – 1:0
„EISBEIN IN FRANKREICH“
17.01.2026
Ligue 1
Stade Bollaert-Delelis
Zuschauer: 38.083
LENS – Das ganze Wochenende mit dem Ziel ein Abendspiel am Samstag in Brüssel zu verfolgen, wurde über den Haufen geworfen, als man die Ansetzungen der Ligue 1 entdeckte. Der aktuell besten Mannschaft Frankreichs wurde ein Heimspiel um 17 Uhr zugelost. Mit einem Sieg konnte Lens in der Tabelle wieder auf Rang 1 springen, nachdem PSG am Vortag durch einen 3:0-Erfolg zu Hause gegen Lille für eine Nacht die Tabellenführung übernahm.
Bereits weit vor dem Spiel parkten wir unser vierrädriges Gefährt in der City von Lens. Da an diesem Samstag ein „Dreierhopp“ durchgeführt werden sollte, wurde die Lage vor Ort zwecks Parkplatzsuche vor dem Spiel schon mal inspiziert. Dabei ging man auch die Straße ab, in der Daniel Nivel 1998 von deutschen Hooligans folgenschwer verprügelt wurde. Nichts dort erinnert an den Vorfall von damals, trotzdem war man in den engen, schmuddeligen Gassen rund um den Bahnhof gedanklich irgendwie schnell wieder im Sommer 1998. Gänsehaut. Auch wenn der betreffende Straßenzug hinter der „Rue Romuald Provust“ mittlerweile abgerissen wurde.
Mit ein paar Parkplatztipps im Kopf ging es anschließend rund 10km südlich nach Vimy. Hier rollte der Ball in der fünftklassigen National 3. Das Spiel hatte alles zu bieten, was ein hochklassiges Amateurspiel ausmacht. Leider auch gut 15 Minuten Nachspielzeit, die uns im Hinblick auf das Lens-Spiel etwas in Bedrängnis brachten. Abpfiff in Vimy gegen 16:30 Uhr, Ankunft in Lens um 16:43 Uhr. Parkplatz etwas „wildwest“, aber das bleibt in einer 35.000-Einwohner-Stadt mit einem Stadion für 41.000 Besucher sowieso nicht aus. Zu Fuß ging es schnellen Schrittes zum Stadion, die Wege hatten wir ja schon ausgekundschaftet.
Doch in der Hektik passierten zwei Dinge: Beim Überholen einer Menschengruppe rutschte ich auf dem durchweichten Rasen aus und fiel auf die Seite. Die Hüfte tut immer noch weh. Der klassische Schmerz eines „Eisbeins“, das man früher bei Schulhof-Raufereien kassiert hat. So ähnlich wie pubertierende Jugendliche, verhielt sich auch das Publikum in Lens, das mich nach dem Sturz wirklich herzhaft ausjohlte, statt mal zu fragen, ob ich mich verletzt habe. Es ging schnell weiter zum Stade Bollaert, von einem Eisbein lassen wir uns in Frankreich nicht aufhalten. 10 Minuten blieben noch bis zum Anpfiff. Doch dort angekommen, landete ich in der falschen Schlange und wurde nach 2-3 Minuten mit dem Hinweis „zwei Mal links“ weggeschickt.
Nun war die Verwirrung groß und guter Rat teuer, denn bei „zwei Mal links“ angekommen, war ich definitiv falsch. Auf dem Weg um das Stadion passierte ich riesige Einlassschlangen und im Innern wurde bereits die heiße Phase zum Einlauf der Mannschaften eingeläutet. In solchen Momenten läuft das Gehirn manchmal anders bei mir: Ich musste rein in das Stadion, koste es, was es wolle. Auf dem Weg zurück fiel eine Ecke hinter einem Imbisswagen auf, eigentlich wollte ich nur mal auf die Tribünen blinzeln und mir einen schnellen Überblick verschaffen, da erspähten meine Augen doch tatsächlich ein unverschlossenes Tor im Gitterzaun. Zack, war ich drin und hinter dem Rücken vom Ordner im Stehplatzblock verschwunden.
Es war 5 vor 5 und die Anpfiff-Zeremonie fing kurz darauf an. Punktlandung und immerhin ein Happy End nach dem Sturz. So voller Adrenalin bemerkte ich das „Aua“ sowieso erst in der zweiten Halbzeit. Vielleicht hatten die Akteure auf dem Platz auch Schuld an dem Adrenalin-Abfall. Denn gerade von Lens kam im ersten Abschnitt einfach gar nichts. Jeder Ball in die Spitze war zu lang geraten und abgesehen von einem Schuss nach 5 Minuten, musste der Gästekeeper kein einziges Mal eingreifen. Der Vorletzte aus Auxerre mühte sich nach Kräften und konnte gut mithalten. Der Auswärtsblock war nahezu ausverkauft und die 90 Minuten supporteten die Auxerrois munter durch.
Das Spiel war auch das Duell der Kleinstädte in der Ligue 1. In beiden Orten wohnen etwa je 35.000 Menschen. 38.000 davon verschlug es an diesem Tag ins Stade Felix-Bollaert-Delalis, das mit seinen vier Single-Tribünen unglaublich viel Größe ausstrahlt. Dank des falschen Blocks, in den ich geraten war, konnte ich die Gästefans nur im Seitenprofil sehen, dafür hatte ich den perfekten Überblick auf die Heimszene, die in drei Areas auf jeder Seite vertreten ist. Nur die Haupttribüne hat mit Support nicht so viel zu tun. Sehr löblich auch, dass auf den übrigen drei Tribünen im Unterrang gestanden wird – auch auf der Gegengeraden. Dementsprechend ist das Stadion permanent in Bewegung. Vorher galt es allerdings noch einen fünfzehnminütigen Stimmungsboykott zu überstehen, der auch in Frankreich dem Hang zu Kollektivstrafen geschuldet war. Pünktlich nach einer Viertelstunde wurde der Support mit einer Pyro-Show eröffnet. In der zweiten Halbzeit gedachten die „Red Tigers“ auf der Gegengerade mit ähnlichen Effekten zudem einem verstorbenen Mitglied.
Auf dem Platz erwischte Lens nicht den besten Tag. Aber zusammen mit dem Publikum reichte es für zumindest eine erfolgreiche Aktion: Nach gut einer Stunde versenkte Wesley Saïd den Ball per Dropkick im Netz, ließ „Les Sang et Or“ jubeln und verhalf seinem Team zur Rückkehr auf Platz 1. 10 Spiele in Folge hat RCL nun gewonnen, 9 davon in der Ligue 1. Die Stadt wandelt auf dem Pfad von 1998. In diesem Schicksalsjahr verprügelten deutsche Hooligans nicht nur französische Gendarmen – Racing Lens gelang am Ende der Saison auch der Gewinn der bisher einzigen nationalen Meisterschaft in Frankreich. Punktgleich lag man vor dem FC Metz auf dem ersten Platz im Klassement. PSG wurde Achter, selbst Auxerre landete in der Abschlusstabelle damals vor dem Hauptstadtklub. (mm)

































