Hannover 96 – Eintracht Braunschweig – 1:0

Hannover 96 – Eintracht Braunschweig – 1:0

„PYRO-EKSTASE BEIM NIEDERSACHSENDERBY SORGT FÜR STANDING OVATIONS“

20.03.2026
Bundesliga
Niedersachsenstadion
Zuschauer: 42.000

Hannover – Am vergangenen Freitag planten zwei Mitglieder der Redaktion einen Ausflug zum Spiel zwischen Schöningen und dem VfB Lübeck, zwei weitere Redakteure wollten das Niedersachsen-Derby besuchen. Wir scherzten noch herum, ob es sich nicht anbieten würde, eine Fahrgemeinschaft zu bilden, doch am Ende kam alles anders: Gästeverbot in Schöningen, also doch alle zum Niedersachsen-Derby.

Am Ende waren also gleich vier Redaktionsmitglieder vor Ort, angereist in drei verschiedenen Autos und einer mit der Deutschen Bahn. Ich persönlich zögerte erst noch, sagte dann aber doch zu. Ich hatte tatsächlich Zweifel, ob es auf den Tribünen wirklich gut wird, stand das Spiel ja unter strikter Beobachtung der Politik.

Gegen 16:30 Uhr kam meine Autobesatzung am Niedersachsenstadion an. Wir haben uns noch mit ein paar alten Bekannten aus Hannover auf ein Bier getroffen und sind dann relativ pünktlich, eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff, ins Stadion gegangen.

Das sollte sich auszahlen, denn die aktive Heimszene rief dazu auf, dass sich alle Fans um 17:45 Uhr, also eine Dreiviertelstunde vor dem Anpfiff, im Block einfinden sollen. Zum Einlaufen der Mannschaften wurden dann direkt mal 20 Fackeln angerissen und eine erste Chorprobe folgte zugleich. Anmerkung der Redaktion: Bestanden! Auch die Gästefans machten lautstark auf sich aufmerksam. Im Anschluss war bis kurz vor Anpfiff der Partie beidseitig eher eine angespannte Stimmung zu vernehmen.

Zum Einlaufen der Mannschaften präsentierten beide Seiten ein jeweils wirklich gelungenes Intro. 96 punktete mit einer Choreo über die gesamte Nordtribüne. Glitzerfähnchen, Glitzerpappen und ein zentrales Hochziehelement wurden verwendet, um den Spieler Peter Radojewski bei seinem Torjubel aus der Derbysaison 1989/1990 zu visualisieren. Der Spruch „Heb die Fäuste, haut euch rein, wir werden für ewig überlegen sein“ rundete die ganze Aktion perfekt ab.

Die Cattiva Brunsviga hielt es mit den Worten „Auf ins Felde zum Sieg – für unser Land und seine Stadt“. Der Spruch wurde im oberen Bereich des Gästeblocks mittels Stofftransparent mehr oder weniger in Stein gemeißelt. Dazu wurden hunderte blaue sowie gelbe Fähnchen verteilt. Zentral im Block wurden die Augen eines Totenkopfs durch den Einsatz von Bengalos zum Leuchten gebracht. Im unteren Bereich wurde der Choreo durch ein weiteres Transparent mit dem Wort „Braunschweig“ der letzte Feinschliff verliehen.

Nicht nur ich, sondern auch die anderen neutralen Zuschauer um mich herum waren begeistert. Man mag es ja kaum aussprechen, aber selbst der ein oder andere eingefleischte Hannover-Fan wird es zugeben müssen: Nicht nur die Fanaktion auf der Nordtribüne, sondern auch der optisch wunderbar gestaltete Gästeblock wussten zu gefallen und so mancher eben angesprochener 96er zückte auch rasch seine Kamera für ein paar Schnappschüsse, von beiden Choreos versteht sich.

Zwischen den ganzen aufblitzenden Handys bekam der ein oder die andere kaum mit, dass Schiedsrichter Dr. Florian Exner das 184. Niedersachsen-Derby gegen 18:30 Uhr offiziell angepfiffen hat. Nun sollte das Spiel also beginnen, die eigentliche Show war tatsächlich schon gelaufen, da waren sich alle erlebnisorientierten Zuschauer sicher einig.

Von Anfang an war die Stimmung auf den Rängen bombastisch, wobei man fairerweise anmerken muss, dass die 96-Fans an diesem Tag schon deutlich lauter als die Gästefans zu vernehmen waren. Besonders in der 30. Minute, als der 25-Jährige Nawrocki den Hausherren das 1:0 bescherte, kochte das ganze Stadion noch einmal mehr auf. „Allez, 96, allez, ja wir ficken für Geld, auf der ganzen Welt, zieh ihn raus, steck ihn rein für den Verein“, dröhnte es jetzt durchs weite Niedersachsenstadion. Die Stimmung ebbte bis zur Halbzeitpause auch nicht mehr ab, zumindest auf der nördlichen Seite der Geschehnisse. Im Gästeblock wurde es zum Ende der ersten Halbzeit immer ruhiger.

Da ich mich schlussendlich erst gegen 14 Uhr mittags entschied, tatsächlich zum Niedersachsen-Derby zu fahren, habe ich in der ganzen Aufregung total vergessen, etwas zu Mittag zu essen. Also tat ich etwas, was ich normalerweise nie tue: den Wursttest im Inneren eines Profistadions wagen. Was soll ich groß dazu schreiben: Es handelt sich, wie fast überall, um eine 0815-Industriewurst, lauwarm in ein Discounter-Brötchen gequetscht.

Als Beilage gibt es Ketchup oder Senf und das Ganze für 4,60 €, na dann mal Mahlzeit! Geschmacklich noch gerade so im Mittelfeld, aber doll war’s halt auch nicht: 6/10 Punkte. Die kulinarische Erprobung sollte der guten Stimmung natürlich keinesfalls im Wege stehen, freuten sich doch alle auf den Anpfiff der zweiten Halbzeit.

Und der hatte es in sich. An beiden Seiten hatte ich hohe Erwartungen, denn es war mittlerweile stockduster. Freunde der Pyrotechnik kamen nun voll auf ihre Kosten. Die Anhänger der Eintracht zündeten mindestens 100 gelbe Fackeln zeitgleich. Eigentlich gar nichts Außergewöhnliches, das Besondere war die Menge der Fackeln sowie die perfekte Anordnung der maskierten Pyromanen. Eben Genannte standen so koordiniert im Block, dass die ganze Aktion wirklich ein super Kurvenbild ergab.

Auf der anderen Seite wurde dann wiederum nochmals eine ordentliche Schippe oben drauf gelegt. Oder um es mit den Worten von (hr) zu sagen: „Ekstase pur!“ Hinter dem durchsichtigen Transparent „Bringt die Hauptstadt zum Beben“, welches über die ganze Nordtribüne ragte, wurden ordentlich roter Rauch und ein paar Fackeln gezündet. Ergänzend dazu brannten einige Breslauer, die immer wieder hell aufblitzten – als würden hinter der Zaunfahne Hunderte Groundhopper ihre neuen Kameras bei Nacht testen.

Weil das alles natürlich noch nicht derbywürdig genug war, hat die Fanszene von 96 tatsächlich noch in Form von 15 bis 20 Feuerwerksbatterien das gewisse Etwas zur totalen Eskalation abgefeuert. Was für eine Wahnsinns-Show, die nicht nur beim jüngeren Publikum, sondern auch bei den Mitfünfzigern und sogar ein paar Rentnern für Standing Ovations sorgte. Sowohl auf der West- als auch auf der Osttribüne standen plötzlich alle Leute und beklatschten die Fanszene von Hannover 96. Vor fünf bis zehn Jahren waren solche Reaktionen noch undenkbar, doch Pyro gehört einfach zum Stadionerlebnis und das haben sogar die älteren Zuschauer begriffen und akzeptiert.

Ich hatte das Thema, glaube ich, schon mal in einem anderen Artikel aufgegriffen, dass sich auch das Medienverhalten dazu verändert hat. Aus „PYROCHAOTEN GEFÄHRDEN TAUSENDE ZUSCHAUER“ wurden in den Überschriften der großen Medien im Laufe der Zeit eher Schlagzeilen wie „MEGA FEUERWERK BEIM NIEDERSACHSENDERBY“.

Die zweite Halbzeit war dann spielerisch sowie stimmungstechnisch deutlich schwächer und die Hausherren können mit dem Sieg insgesamt sehr zufrieden sein. Zum einen spielten sich große Teile der zweiten Halbzeit nur noch vorm Tor von 96 ab, zum anderen hat der Schiedsrichter einen klaren Handelfmeter für den BTSV nicht geahndet. Einige umstrittene Aktionen wurden allerdings auch zugunsten der Eintracht bewertet.

Alles in allem ein großartiges Derby, das für viele Fans noch bis spät in die Nacht in Hannovers Altstadt weiterging. Bleibt nur zu hoffen, dass Daniela Behrens ihre Hände diesmal aus dem Spiel lässt! (hd)