30.12.2025 Premier League Emirates Stadium Zuschauer: 60.207
LONDON – Der Tag startete entspannt im Lieblings-Wetherspoon am Ealing-Broadway. Hier, in einem kleinen Außenbezirk Londons, zahlt man für sein IPA on Draught 3,2£ statt 7,9£ in den Pubs des Zentrums. Selbst in unserer geliebten Kette muss man mitten in London mittlerweile knapp 6£ auf den Tresen legen.
Etwas aufgeregt war ich ja schon, sollte es heute endlich zum letzten „großen“ Premier-League-Verein gehen. Liverpool, Manchester City, Manchester United, Tottenham sowie Chelsea können als „erledigt“ betrachtet werden. Arsenal ist der letzte Große auf meiner persönlichen Liste. Und schon kommt die große Frage auf: Kann man bei Arsenal eigentlich wirklich von einer Bibliothek sprechen? „The Library“, ein Begriff, den jeder schon einmal im Zusammenhang mit Arsenal gehört haben sollte. Nachdem es für Arsenal damals aus dem Highbury Ground in das neu geschaffene Emirates Stadium ging, welches etwas über 60.000 Plätze fasst, dachten sich die Reichen und Schönen: „Das kann ja nur großartig werden.“ Sie sollten sich irren! „50 % Asiaten, keine Stimmung, scheiß Kommerz-Ground.“ So in etwa klingt es, wenn man andere Fußballreisende nach ihren Erlebnissen bei den „Gunners“ fragt. Kann ich das bestätigen? Die einfache Antwort lautet ganz klar: Nein! Ich habe mich tatsächlich gewundert, wie gut die Stimmung ist.
Mittlerweile kommen scheinbar wieder mehr junge Leute an Karten bei den großen Vereinen Englands und interessieren sich für den Fußball, aber eben auch ums Drumherum. Fünf bis sechs Dutzend Jugendliche haben für ordentlich Stimmung gesorgt und ebenfalls dafür, dass diese auf die ganze Hintertortribüne überschwappte. So oder so ähnlich habe ich es auch letztes Jahr schon an der Craven Cottage beim Fulham FC gesehen. Sowohl damals als auch heute bei den Gunners waren die jungen Erwachsenen mit Trommeln und zwei bis drei Schwenkfahnen ausgestattet. Chapeau, es passiert was auf der Insel. Aber eine Bitte an das Nachwuchs-Fanklientel: Bitte schön ‚Casual British‘, nicht zu sehr ‚Ultrà‘ Jeder wünscht sich doch, dass es nördlich von Calais weiterhin traditionell zugeht.
Was war sonst noch so los bei den Gunners?
Die Spieler legten den Fans so kurz nach dem Boxing Day noch nachträglich ein Geschenk unter den Baum. Sie bekamen ein wunderschönes Fußballspiel mit insgesamt fünf Toren. Zwar ging es in der ersten Halbzeit relativ zaghaft los, doch das waren ja nur die ersten 45 von 90 Minuten. Ich war noch nicht ganz vom Bierstand wieder an meinem Platz, als es das erste Mal knallte. 48. Minute: Gabriel trifft für Arsenal – 1:0.
Dann ging es ganz schnell: Bereits vier Minuten später traf Zubimendi zum 2:0. Die Fans rasteten aus, der Away End, in einem Eckblock im Unterrang positioniert, wurde langsam immer stummer. Aston Villa sah in den nächsten 30 Minuten keine einzige Chance mehr. In der 69. Minute traf Trossard zum 3:0 für Arsenal. Knapp zehn Minuten später machte Gabriel Jesus den Sack zu: 4:0 Arsenal. Einen Ehrentreffer konnte Ollie Watkins in der 94. Minute noch für „The Villans“ erzielen, interessiert hat es eigentlich niemanden mehr.
Fröhlich und überraschend positiv war ich nach dem Spiel gestimmt: 60.000 Zuschauer, fünf Tore und wirklich gute Stimmung für englische Verhältnisse. Arsenal, ich werde wiederkommen. (hd)
30.12.2025 Premier League Old Trafford Zuschauer: 74.000
MANCHESTER — Die Ticketbeschaffung bei Manchester United für ein Spiel in der Premier League war über Jahre hinweg nahezu unmöglich. Manchester meldete bereits vor Saisonbeginn stets „Sold Out“ für alle Spiele. Mittlerweile spielen die Reds jedoch seit Jahren einen absolut bescheidenen Ball auf gepflegtem Rasen, und auch die Touristen werden dadurch weniger.
Mit diesem Hintergrundwissen klickte ich mich am 30.09.2025 durch die Ticketseite von Manchester United und entdeckte für dieses Spiel tatsächlich einen freien Verkauf. Die Flüge waren noch nicht gebucht und eine grobe Planung existierte ebenfalls noch nicht, aber die ersten Tickets landeten sofort im Warenkorb. Old Trafford war gebucht, egal wann dieses Spiel angesetzt werden würde. Erst Anfang November wurde die Partie terminiert, und ab diesem Zeitpunkt begann die Feinplanung für diese letztlich erfolgreiche Tour.
In den Tagen zuvor verweilten wir an der Nordseeküste, da Sunderland und Middlesbrough ihren Weg in den virtuellen Informer gefunden hatten. Pünktlich wurde dort ausgecheckt, anschließend ging es mit dem Flixbus nach Manchester. Dort checkten wir im Ibis ein und verprassten gegen 17:30 Uhr unser letztes Restaurantguthaben auf der Amex im „The Ivy“.
Per Straßenbahn fuhren wir anschließend zum Old Trafford und steuerten zunächst den Mega Store an, um zu prüfen, ob es dort vielleicht ein geniales Schnäppchen zu ergattern gibt. Fünf Minuten später hielten wir jeweils ein Trikot aus der Vorsaison für unschlagbare 24 £ in den Händen. Mit den neuen Utensilien stellten wir uns in die Schlange am Eingang und wurden von oben bis unten komplett gefilzt. So etwas hatte ich in England noch nie erlebt. Sekunden später zeigte der Ticketscanner die gelbe Ampel, das Drehkreuz öffnete sich, und wir befanden uns in dieser altehrwürdigen Stätte.
Im Stadion wurden wir von einem Ordner direkt auf unsere Plätze geschickt, denn im Gang stehen und noch schnell ein Foto machen ist hier „nicht erlaubt“. Wenig später begann das Spiel ohne großes Einlaufprozedere.
Auf dem Rasen waren sich alle sicher, dass es heute einen Heimsieg geben würde, denn die Gäste hatten seit Anfang Oktober keinen Punkt mehr geholt und davor insgesamt nur zwei Zähler gesammelt. Doch wie sollte es anders kommen: United bekam überhaupt nichts auf die Kette, der Trainer wechselte zur Halbzeit den einzigen fähigen Spieler und Torschützen aus, und Wolverhampton spielte wie in den Jahren zuvor. In der 89. Minute erzielten die Red Devils zwar den vermeintlichen Siegtreffer, doch der Torschütze stand im Abseits. Unterm Strich geht das Remis in Ordnung, da auch die Wolves einige Chancen liegen ließen. In der zweiten Hälfte gab es zudem noch ein paar lustige Anekdoten, die ich mit euch teilen möchte. Der Schiedsrichter pfiff gleich zwei falsche Einwürfe zurück, und Manchester erhielt eine Ecke, weil der Torwart den Ball zu lange in den Händen hielt. Ein „gellendes Pfeifkonzert“ begleitete die Spieler in die Kabine und uns aus dem Stadion.
Auf der Pressekonferenz behauptete der Trainer, dass die Reservespieler nicht die Qualität für die erste Elf hätten. Wenn sich Ruud van Nistelrooy, Paul Scholes und Ryan Giggs über die aktuelle United Elf unterhalten würden, könnten sie vermutlich ganze Seen mit Tränen füllen, denn diese Truppe ist schlichtweg schlecht. Das hat nichts mehr mit dem unbesiegbaren Manchester von früher zu tun. Mittlerweile ist es nur noch eine mittelmäßige Premier League Mannschaft. Man kann nur hoffen, dass Sir Alex Ferguson bei diesem Team auf der Tribüne niemals einen Herzinfarkt erleidet.
Für uns war es trotz der bodenlosen Performance der Reds ein schöner Abend in einem genialen Stadion. Old Trafford gehört definitiv auf die Bucketlist aller Groundhopper, und man kann nur hoffen, dass die neuen Stadionpläne niemals realisiert werden und im „Litter“ verschwinden. (mb)
28.12.2025 Premier League Stadium of Light Zuschauer: 46.675
SUNDERLAND — Zum ersten Mal in meinem Leben gönne ich mir über die Feiertage die volle Portion England. Zehn Tage im Land der Erfinder der Wetherspoon-App. In den letzten Jahren war ich über den Jahreswechsel immer mal wieder für ein paar Tage vor Ort, allerdings nie vom Boxing Day bis ins neue Jahr. Dieses Jahr sollte es – dank fairer Flug- und Hotelpreise – das „All-in-Paket“ werden. In den ersten beiden Tagen lief in Bradford und Burnley alles reibungslos, und auch heute lieferte Flixbus auf ganzer Linie. Da am Sonntag in England fast gar nicht gespielt wird, war schnell klar: Es kann nur nach Sunderland gehen. Der heutige Gegner war kein Geringerer als die Farke-Truppe, die ich zuletzt am 29.12.2024 gesehen hatte.
Da wir hier mittlerweile über ein Premier-League-Spiel sprechen, ist die Ticketbeschaffung natürlich wieder ein Knackpunkt. Kein General Sale, und die Karten gingen im Mitgliederverkauf weg wie warme Semmeln. Zum Glück konnten uns ein England-Experte aus unserem Redaktionsumfeld sowie ein weiterer Deutscher helfen. Beide verfügten über eine Booking History aus der letzten Saison und hatten damit Zugang zu den Tickets. An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an die beiden Top Lads!
Nach der Ankunft in Newcastle brachten wir unser Gepäck ins Hotel und fuhren anschließend mit der Metro zum Stadium of Light. Wer die Netflix-Dokumentation „Sunderland ’Til I Die“ in voller Länge durchgesuchtet hat, erkennt hier sofort die ein oder andere Wandbemalung sowie den Weg zum Stadion wieder. Besonders prägend in Erinnerung geblieben sind mir auch die Ticketdrucker im Ticket Office. Wir gingen direkt dorthin, um unsere QR-Codes gegen Hardtickets zu tauschen, wurden jedoch enttäuscht: Es gibt nur noch digitale Tickets. Willkommen in der Premier League!
So gelangten wir ohne weitere Kontrolle ins Stadion und gönnten uns vor dem Anpfiff noch ein paar Chicken Tenders mit Pommes. Der Preis an der Kasse war zwar ein anderer als auf dem Preisschild, aber über einen „Rabatt“ regt man sich bekanntlich nicht auf. Geschmacklich war das Essen für englische Stadionverhältnisse absolut in Ordnung – ein Foto war es dennoch nicht wert.
Im Stadion trennten sich dann unsere Wege, da unsere Plätze in den Bereichen P6 und P16 lagen. Ein Platzwechsel während des Spiels war nicht möglich, da wirklich kein einziger Platz frei war. Beim Einlaufen der Teams wurden beide Mannschaften mit einem kleinen Feuer begrüßt. Leeds und Sunderland spielten in der ersten Halbzeit mutig nach vorne, und zur Freude der meisten Fans gingen die „Black Cats“ nach 28 Minuten in Führung. Kurz nach dem Pausentee erzielte Leeds den Ausgleich und ließ den Gästeblock eskalieren. Die Mannschaft von Daniel Farke drängte anschließend sehr dominant auf das 2:1, brachte den Ball trotz eines Expected-Goals-Werts von 2,03 jedoch kein zweites Mal über die Linie. Trotz Aufstieg und veränderter Favoritenrolle ziehen sie ihren ansehnlichen Fußball weiterhin konsequent durch und haben nun sieben Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. Für einen Aufsteiger ist das nach 18 Spielen ein Top-Ergebnis. Der ein oder andere Sunderland-Fan war nach dem Spiel etwas enttäuscht, da die Jungs das letzte Heimspiel des Jahres nicht gewinnen konnten. Dennoch sollte man nicht vergessen, wo Sunderland herkommt: 2022 stieg man in die Championship auf, und dreieinhalb Jahre später steht man mit 28 Punkten auf Platz sieben – nur vier Punkte hinter einem Champions-League-Platz. Das ist schlichtweg sensationell.
Sensationell war die Stimmung vor Ort zwar nicht, für Premier-League-Verhältnisse jedoch sehr gut und leidenschaftlich. Sie hat uns definitiv abgeholt, und wir verließen das Stadium of Light rundum zufrieden.
Allen Netflix-Abonnenten kann ich nur empfehlen, nach der Dokumentation selbst nach Sunderland zu reisen und das „Matchday“-Erlebnis mitzunehmen. Das hat richtig Bock gemacht und rundet für mich die Sunderland-Story perfekt ab. (mb)
18.01.2025 St. James Park Premier League Zuschauer: 52.227
NEWCASTLE – Nachdem der EasyJet Flug vergangene Woche gestrichen wurde, hob derselbe Flug nur eine Woche später pünktlich vom Hamburger Flughafen nach Manchester ab. Da in dem Flugzeug zufällig auch ein guter Kollege an Board war, wurde sich dazu entschieden, die Abendstunden bis zum ladenschluss im Wetherspoon zu verbringen. Kurze Zeit später trennten sich unsere Wege, da ich den Nachtbus nach Newcastle antrat.
National Express als Busunternehmen kann ich definitiv weiterempfehlen. Pünktliche Abfahrt und Ankunftszeit, bequeme Sitze, genügend Beinfreiheit und W-Lan. Was will man mehr? Ein Hotel ist zumindest in dieser nacht nicht notwendig gewesen. Einziges Manko: Der Bus erreichte Newcastle bereits um 04:00 Uhr früh, als die letzten Party People auf sich aufmerksam machten. Für mich begann die Suche nach einem warmen Ort und schnell wurde ich am Newcastle Bahnhof fündig. Erst war es eine beheizte und saubere Toilette, zwischendurch wanderte ich zu McDonald’s mit der Feststellung, dass der Sitzbereich noch geschlossen war und zurück am Bahnhof entdeckte ich einen halbwegs beheizten Wertebereich am Gleis vier.
Die Zeit verging schließlich schneller als erwartet und zum Sonnenaufgang machte ich einen kleinen Abstecher zum Castle und zur Tynbridge, ehe es zu dem am Ufer gelegenen Wetherspoon ging. Pünktlich zur Ladenöffnung wurde der Pub betreten und ein kleines Frühstück bestellt.
Nach der Stärkung und diversen Heißgetränken besuchte ich noch das Geschäft: “The Back Page”. Hierbei handelt es sich um einen Shop, welcher Fanartikel unterschiedlicher Vereine, Spieltagsheft, Bücher und anderen sehenswerten Stoff verkauft. Wer in der Stadt ist, sollte unbedingt vorbeischauen. Der Besuch lohnt sich und der Shop ist praktisch direkt am St.James Park.
In dieses Stadion ging es dann eine Weile später auch. Die Karte konnte über den AFC Bournemouth im Away End organisiert werden. Eine Erfahrung, die bis zu diesem Zeitpunkt noch gefehlt hat. Nützlich ist die AFC Bournemouth Away Option aber definitiv. Karten sind in dem meisten Fällen sonst nur mit einer Mitgliedschaft, einem VIP Angebot oder über den überteuerten Zweitmarkt zu bekommen.
Eine neue Erfahrung war es außerdem, bei einem Premier League Spiel 90 Minuten zu stehen. Zwar hätte ich erwartet, dass die Mannschaft hier abgeschossen wird und sich relativ zügig wieder hingesetzt . Es kam allerdings alles anders. Abgeschossen wurde nämlich der Gastgeber. Nach einem druckvollen Start führten die Gäste bereits nach wenigen Minuten mit 0:1. Newcastle entwickelte im Spiel zu wenig Gefahr und konnte lediglich den 1:1 Ausgleich nach einer Ecke erzielen. Im zweiten Durchgang erarbeiteten sich die Gäste mit einem tollen Einsatz drei weitere Tore und feierten den überraschenden und deutlichen Auswärtssieg. Eigentlich sollte es nun noch zum zweiten Spiel gehen. Da dieses und weitere Ansetzungen wegen Frost aber abgesetzt wurden, ging es statt zum zweiten Game zurück zum Wetherspoon. (fj)
05.01.2025 Craven Cottage Premier League Zuschauer: 27.042
LONDON – Nach der Ankunft an der Victoria Coach Station spazierte ich knapp 1,5 h zur Craven Cottage. Eine sehr empfehlenswerte Route, vorbei an der Themse und der Stamford Bridge. Schließlich erreichte ich den Ground und musste am Eingang feststellen, dass der Rucksack zu groß für das Stadion ist. Eine Erfahrung die ich vorher sehr selten in englischen Fußballstadien erlebt hatte, darf man doch sonst fast immer einen Rucksack mitnehmen. Somit wurde ich auf eine Abgabestelle wenige Meter vom Stadion entfernt verwiesen. Diese suchte ich auf und zahlte 5£ für die Abgabe. Sparen tat ich dafür bei der Eintrittskarte, da mir mein Kollege für knappe 10 pfund eine Under 18 Eintrittskarte organisierte. Ein Vorhaben, das normalerweise immer klappt. NORMALERWEISE! Da ich davon ausgegangen war, eine Eintrittskarte für die neue Tribüne erhalten zu haben, suchte ich den Eingang der “ riverside” auf und musste feststellen, dass ich nicht hineinkam. Die Ordner baten darum, zum Ticket Office zu gehen. Die Mitarbeiterin glaubte mir nicht so recht, dass ich unter 18 bin und schickte mich zum service center, um das Ticket aufzuwerten. Da schnell aber klar wurde, dass es der falsche Eingang war, suchte ich den richtigen auf und betrat ohne Ticket-Aufwertung den Johnny Haynes Stand. Den Sektor, wo damals auch die HSV Fans standen, als Damien Duff die Träume vom Finale im Volkspark platzen ließ.
Zwar war ich damals nicht vor Ort aber dennoch war es für mich der zweite Besuch dort. Und da ich beim ersten Mal den Blick auf die alte Tribüne hatte, störten mich die heutigen Plätze nicht. Vor allem war ich nun ganz nah an der Cottage, die früher eine Jagdhütte war und nun als VIP Bereich dient. Vor etwa 200 Jahren bestand die Gegend komplett aus einem Wald.
Die von Archibald Leitch errichtete Tribüne zählt zu den schönsten und ältesten Tribünen des Landes und ist zum Glück denkmalgeschützt. Besonderes Highlight neben den alten Sitzen die schwarz-weißen Bilder des 2005 verstorbenen Spieler: Johnny Haynes, nach dem wie beschrieben die Tribüne benannt wurde.
Der einzige Spieler, den ich vom aktuellen Fulham Aufgebot kannte, war der Torwart Bernd Leno, der beim Spiel eine sichere Figur machte und trotzdem zwei Mal hinter sich greifen musste. Das erste Mal nach 38 Minuten, als Szmodics zum 0:1 traf. In der zweiten Hälfte gab es dann das große Elfmeterschießen. Drei an der Zahl und zwei davon gab es für Ipswich. Nachdem Jimenez den ersten Elfer für Fulham verwandelte, traf Delap drei Minuten später für Ipswich aus Elf Metern zur erneuten Gästeführung. Nach einem Foul an Jimenez trat der Gefoulte selbst an und erzielte in der 90. Minute seinen zweiten Treffer zum 2:2 Endstand. Das der VAR mehrfach Eingriff soll nicht zu viel Aufmerksamkeit bekommen. Immerhin wird in England die Situation erklärt und im Nachhinein noch eine Videofrequenz eingeblendet.
Im Vergleich zu meinem ersten Spiel an der Craven Cottage merkt man den Unterschied zum damaligen Zweitliga-Kick. Alleine die Feuerfontänen vor dem Spiel verzaubern das Spiel zu einem Event. Die Klatschpappen gab es damals auch schon und sind kein bisschen besser als vor sechs Jahren.
Die Gästefans sind mit voller Kapelle angereist und sangen zwischendurch Schmähgesänge Richtung FFC Fans: “ your support is shit.” Recht haben sie, denn bis auf das Come on Fulham, welches über die Werbebande zum Support aufrief, war es wieder mal wie in einer Bücherei. Mal sehen, ob das Stadion ein weiteres Mal besucht wird. (fj)
„LANGER HAFER UND KONTROLLIERTE DEFENSIVE – WILLKOMMEN IN DER PREMIER LEAGUE!“
07.03.2020
Premier League
Selhurst Park
Zuschauer: 25.461
LONDON – In Dortmund-Sölde nächtigte ich in einer recht einfachen Unterkunft – in Corona-Zeiten undenkbar: Mit Gemeinschaftsbad. Die Schlafmöglichkeit war nur ein paar Kilometer vom Flughafen entfernt. Vom Bahnhof Holzminden ging es mit einem Shuttle-Bus zum Terminal, obwohl man das Ziel von dort auch bequem nach 20 Minuten Fußmarsch erreicht. Auf dem dortigen P+R-Parkplatz am Bahnhof kann man kostenlos parken – für 48 Stunden. Denn den Holzmindenern sind Flughafen-Parker ein Dorn im Auge. Wochenend-Groundhopper mit dem Ziel England, die die fabelhaften Flugzeiten am Samstag und Sonntag nach und ab London nutzen, sind vom Zorn der Holzmindener somit zum Glück verschont geblieben. Am Dortmunder Airport erwartete mich ein menschenleerer Hangar. „The german angst“, betitelte ich ein Foto, das ich von der verwaisten Sicherheitskontrolle anfertigte und in einschlägige Whats-App-Gruppen tickerte. Selten war Fliegen so angenehm wie an diesem Tag – draußen schien die Sonne, der Zufall hatte mir einen Fensterplatz zugelost. Und in gerade fünf Stunden wartete eine Premier-League-Partie in der Hauptstadt des Fußballs auf mich.
Da der Rückflug am nächsten Tag auch schon wieder in den Morgenstunden erfolgen sollte und der Abflughafen Stansted ja gut und gerne 60km nördlich der Londoner Kernstadt liegt, entschied ich mich für eine Low-Budget-Unterkunft in der Flughafen-Peripherie von Stansted. Mit dem Unterschlupf hatte ich Glück. Ein Typ namens Ahmet hat in der Ortschaft Takeley ein Haus zu Appartement-Wohnungen umgebaut und dabei nette Einheiten geschaffen, die man für unter 40 Euro pro Tag mieten kann. Das Beste aber: Den Ort kann man vom Flughafen zu Fuß erreichen. Eine halbe Stunde spaziert man dafür durch das englische Nirwana. Außerdem befindet sich der einzige Pub in der Ortschaft („The Four Ashes“) direkt gegenüber der Appartement-Anlage. Dort gibt es auch hausgemachte Pizza zum Mitnehmen, was mir im Laufe des Tages noch zu Gute kommen wird.
„WANDSBEKER SCHMUDDEL IN LONDON“
Jetzt aber erstmal ab zum Stadion: Nachdem ich meine Tasche in der Unterkunft deponiere, geht es wieder zurück zum Flughafen und von dort mit dem Airport-Express nach South London. Das dauert rund zwei Stunden, hört sich aber komplizierter an, als es ist. Tatsächlich muss man nur ein Mal umsteigen. Vorbei geht es an den berühmten „Hackney Marshes“ und auch am Olympiastadion, das ja mittlerweile von West Ham genutzt wird. Der Umsteige-Bahnhof „Shoreditch High Street“ wird der zentrale Knotenpunkt in den gerade mal 24 Stunden, die ich in der Stadt verbringe. Bezogen auf meine Heimatgroßstadt Hamburg, kann man die Ecke mit dem Bahnhof „Dammtor“ ganz gut vergleichen. Gepaart mit ein bisschen Wandsbeker „Schmuddel“ und bestückt mit Hipstern im Sternschanzen-Style, herrscht dort rund um die Uhr eine gewissermaßen faszinierende Betriebsamkeit. Hinter dem Bahnhof entdecke ich mehrere Kunstrasen-Käfigplätze, in denen munter vor der Großstadt-Kulisse gekickt wird. Okay, daran merkt man dann doch: Das ist gerade London und nicht Hamburg.
Eine gute halbe Stunde später steige ich an der Overground-Station „Norwood Junction“ aus und nach wenigen Blicken wird klar, dass ich mich dort befinde, was man bei Crystal Palace mit „South London And Proud“ übersetzt. Obwohl noch knapp zwei Stunden bis zum Anpfiff verbleiben, platzen die Pubs in Stadionnähe – in denen gegnerische Fans übrigens nicht erwünscht sind – aus allen Nähten. Portraits von Palace-Spielern – z.B. Max Meyer – hängen an jeder Straßenlaterne, was den Pfad vom Bahnhof Richtung Stadion zum Spalier macht. Etwa zehn Minuten spaziert man durch eine übersichtliche, gutbürgerliche Gegend, irgendwann hört man an den Straßenecken schon die Rufe der Programmheft-Verkäufer – wie auf dem Hamburger Fischmarkt. Und dann steht sie da, unmittelbar vor einer abfallenden Straße: Die überdimensionale Tribüne mit dem gewölbten Dach, die dem Selhurst Park ihren Charakter verleiht. Eine Pikanterie an dem Bau: Bei der eben beschriebenen Tribüne handelt es sich – im Gegensatz zum restlichen Stadion – um einen Neubau aus den 90er-Jahren. Halbrunde Fenster und rote Klinker knüpfen aber nahtlos an den britischen Style an, den man mit der Stadion-Architektur auf der Insel in Verbindung bringt. Der Rest des Selhurst Parks ist eng, flach und alt.
Bis zum Anstoß verbleibt immer noch über eine Stunde. Also sehe ich mich rund um das Stadion etwas um. Mein E-Ticket tausche ich in eine Papier-Variante um. Das kostet natürlich 3 Pfund extra. Willkommen in der Premier League. Vor der Tribüne steht ein Mann mit einem prächtigen Seeadler auf dem Arm für Fotos parat – der Wappenvogel des Vereins. Außerdem gibt es eine „Fan Zone“, dort erhält man nur mit gültigem Ticket für das Spiel Einlass. Auf Leinwänden sieht man vergangene CPFC-Spiele, zur Auswahl stehen außerdem allerlei alkoholische Getränke zu salzigen Preisen (5,50 Pfund für die Flasche Bier). Und es gibt einen Container, in dem Palace-Merch verkauft wird. In den offiziellen Fanshop hatte man mich zuvor nicht reingelassen, weil ich eine Wasserflasche mit mir führte. Freundlich, aber bestimmt: Die Atmosphäre um und im Stadion kommt reglementiert und eher verhalten rüber und nicht ganz so derb, wie man es aus dem Mutterland des Fußballs gewohnt ist. Mit meinem Ticket passiere ich letztlich irgendwann das Drehkreuz und dort wirkt die Szenerie deutlich charmanter: Enge Ein- und Aufgänge, schmaler Vorplatz, krumme Flure, schiefe Toiletten. Auch wenn sich baulich alles in einem guten Zustand befindet – man merkt, ich bin auf der alten Satteldach-Tribüne gelandet.
„FOLKLORE? FEHLANZEIGE“
Die Bestuhlung auf der alten Tribüne ist neu, sehr eng und es gibt kaum freie Plätze. Ansonsten fällt eigentlich nur auf, dass vor der Partie nicht viel „Folklore“ herrscht. Zwar wird irgendeine beliebige Vereinshymne abgespielt, aber die obligatorisch-britische 80er-Jahre-Indie-Mucke und den dazugehörigen Männerchor auf den Rängen, hört man im Selhurst Park nicht. Stattdessen gibt es auf CPFC-Seite organisierten Support, was in England selten bis gar nicht vorkommt. Im Zentrum der eingangs beschriebenen Hintertortribüne zeigt sich ein kleiner Fan-Mob in Casual-Klamotten, mit Fahnen und Schals. Mit der Ultra-Bewegung, wie man sie aus Deutschland kennt, hat der Haufen nichts zu tun. Wenn gleich die Gruppe Ursprung einiger Gesänge ist, die fortan durch das Rund wabern. Stimmungsvollen Eindruck hinterlässt das Stadion nur, wenn das Publikum geschlossen und spielbezogen reagiert und ein paar Chantys durch’s Stadion schmettert.
In England ist das Spiel der Star. Das kann für unvergessliche Momente sorgen. Oder lausige Kicks bleiben durch die Atmosphäre noch gruseliger in der Erinnerung hängen. In meinem Falle ist die Hoffnung groß: Kleines Derby, voller Gästeblock, beide Teams prächtig in Form – Watford jüngst gar verantwortlich für die erste Saison-Niederlage vom FC Liverpool. Und bei Palace träumt man nach zuletzt zwei Siegen leise von Europa. Die Gäste von der Vicarage Road geben zunächst den Ton an. Der Support bleibt blass, doch technisch fein kombiniert man sich durch die Abwehrreihen, ohne dabei wirklich Zählbares zu produzieren. Bei Crystal Palace bin ich erschrocken über den antiquierten Spielstil – die Trainer-Personalie mag diesen Umstand vermeintlich erklären: Mit dem 72-jährigen Roy Hodgson sitzt der mit Abstand älteste Trainer im englischen Profi-Fußball bei den „Eagles“ auf der Bank. Langer Hafer und kontrollierte Defensive – so kann man den Spielaufbau der Hausherren am ehesten beschreiben. Vorne soll ein Dreigestirn aus international bekannten Stürmern das Ding richten. Doch Jordan Ayew, Wilfried Zaha und Christian Benteke glänzen mit Passstafetten in den leeren Raum – es ist ein Grottenkick.
Aber dann – mitten in die Drangphase der immer mutiger aufspielenden Gäste passiert es: Einmal kommt ein langer Palace-Ball beim Adressaten auf dem Flügel an, findet in Jordan Ayew – dem Sohn von Abedi Pelé – im Zentrum einen Abnehmer und als ich noch denke, dass der Ghanaer einen Haken zu viel schlägt, rummst es im Kasten des 37-jährigen Watford-Keepers Ben Foster! Vorweg genommen: Es bleibt der einzige durchdachte Angriffszug von den „Eagles“ in dieser Begegnung. Für das Spielgeschehen ist das Tor eigentlich Gold wert. Doch die „Hornets“ finden darauf hin gar nicht mehr in das Spiel zurück.
„GULASCH-KUCHEN IN DER HALBZEIT“
In der Halbzeit wechsel ich den Platz. Hatte ich zunächst noch ganz oben regulär auf meinem Plastiksitz neben einem schwerbeleibten, aber sehr sympathischen CPFC-Fan in rosa Hemdmode gesessen, schlage ich mich nun in die erste Reihe vor, um etwas mehr britische Atmosphäre aufzusaugen. In der Pause gibt es zudem standesgemäß „Steak Pie“, das ist der berühmte britische Stadion-Snack, der aussieht wie ein kleiner Kuchen oder Muffin, aber in aller Regel mit Fleisch gefüllt ist. In meinem Fall mit einem Inlet, das man am ehesten mit Rindergulasch vergleichen kann. Gulasch-Kuchen, das gibt’s auch nur in England. Aber keine Bange, so ein Steak-Pie-Küchlein ist bisher noch niemandem im Halse stecken geblieben. Alkohol wird bekanntlich nur im Innenraum ausgeschenkt. Internationale Biersorten oder Weißwein – zu Wucherpreisen bekommt man dort alles.
Nach dem Wiederanpfiff gibt Crystal Palace zunächst pro forma den Ton an. Doch Powerplay sieht anders aus. Eine hochkarätige Chance kreiert man nach einer Ecke, aber Zahas anschließender Fallrückzieher verfehlt das Tor nur knapp. Danach überlässt Palace wieder den Gästen aus der Grafschaft Hertfordshire das Kommando. Freilich ohne dass mal wieder irgendwas Zählbares dabei herausspringt. In meinem Gedächtnisprotokoll habe ich nicht eine einzige Chance für die Gäste in der zweiten Halbzeit notiert. Die Partie lebt allenfalls von der Spannung. Im Gegenzug kommt es zu einigen hoffnungsvollen Konter-Situationen für die Heimelf, die sich aus dieser ergebnistaktischen Situation ergeben – doch jeder Ball in die Spitze verläuft im Sande. Das spielerische Niveau auf beiden Seiten – einfach erschreckend. „Weltklassespieler“ Max Meyer schmort 90 Minuten auf der Bank. Mit seinem Spielvermögen könnte der Ex-Schalker tatsächlich für Lichtblicke bei diesem Gebolze sorgen. Letztlich bleibt es beim 1:0, der Trainer hat mit seiner Aufstellung natürlich alles richtig gemacht und morgen interessiert sich keine Sau mehr für das Zustandekommen dieser drei Punkte. Ab nächster Woche interessiert sich die Welt vorrangig für einen Virus und nicht für die Ergebnisse des letzten Spieltags der Premier League, die an diesem Samstag ganz nüchtern lauteten: 2:1, 1:0, 1:0, 0:1, 1:0, 0:0 und 1:1.
Während sich die Fanmassen schnell im Viertel verteilen, streife ich durch die Straßen in South London, trinke im „Cherry Tree Pub“ ein Bier und sitze irgendwann wieder an der Bahnstation „Shoreditch High Street“. Dort warte ich geschlagene 60 Minuten auf meinen Bus Richtung Flughafen. Um mich herum eine feine Pizzeria, Streetfood, feierlich gekleidete Menschen in Partylaune und gegenüber von der Bushaltestelle ein gut besuchtes Tanzlokal. Für all diese Beobachtungen habe ich genug Zeit, denn ich darf den Bus nicht verpassen und bin an die Wartebank gefesselt. In Stansted angekommen – es nützt alles nichts: Der letzte Bus nach Takeley ist schon abgefahren. Also Kapuze auf und raus in die dunkle englische Nacht. Eine Autobahn-Brücke wird überquert und irgendwann stehe ich von Wind und Wetter gezeichnet vor dem „Four-Ashes“. In der Kneipe gastiert eine Poker-Gesellschaft, aber für eine Take-away-Pizza ist es zum Glück noch nicht zu spät. Für 9 Pfund gibt es bis zu fünf Beläge extra auf der runden Köstlichkeit. Also wähle ich fünf Beläge aus und liege wenig später schmatzend mit meiner Pizza auf dem Hotelbett, gucke Fußball im Fernsehen und lasse den Tag Revue passieren. Das Schönste was es auf der Welt gibt. Heute hat nochmal alles geklappt.